Wissenschaftlichkeit und religiöse Phänomene

27-02-2022

Es scheint uns notwendig, einige häufige Missverständnisse über “Wissenschaftlichkeit” in Glaubensfragen auszuräumen. „Wissenschaftlich“ sind alle Aussagen oder Erkenntnisse, die sich auf das Zeit- und Raumganze beziehen, von dem wir ein Teil sind und die durch wiederholbare Tests oder Beobachtungen nachgewiesen werden können, sowie die sich daraus logisch ergebenden Schlussfolgerungen. Aus dieser Definition kann man sofort ableiten, dass die Aussage “Gott existiert nicht” keine wissenschaftliche Schlussfolgerung sein kann, da man keine experimentellen Feststellungen von etwas treffen kann, das nicht existiert, und darüber hinaus unterliegt Gott per Definition nicht den Gesetzen, die die beobachtbare Realität regeln. Man kann nur mit unbeweisbaren Annahmen arbeiten wie: “Wenn Gott existiert, dann …”. Unser berühmter flämischer Philosoph, der verstorbene Etienne Vermeersch, machte sich stark, um diese unmögliche wissenschaftliche Tour de Force in einem „Opus Magnus“ (sic) zu vollbringen. Vielleicht dachte Gott, es sei genug? Jedenfalls starb der Masterplan zur Beendigung der philosophischen Existenzberechtigung Gottes mitsamt seinem Autor einen „sanfter Tod“ (1).

Im Gegensatz zur Nichtexistenz lässt sich die Möglichkeit und sogar die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes als souveräner schöpfende Behörde indirekt, aber logisch ableiten, nämlich aus den komplexen Gesetzen, die die uns bekannte Wirklichkeit regieren (2). Aber das war es größtenteils. Da Gottes “Sein” nicht den Grenzen von Zeit und Raum unterliegt, können wir wenig oder gar keine “wissenschaftlichen” Schlussfolgerungen daraus ableiten. Für die Wissenschaft ist und bleibt der ultimative Ursprung von allem, was bekannt ist wie ein unerreichbaren Himmelskörper, oder ein nicht lokalisierbares „Ursprungs- und/oder Entscheidungszentrum“, dessen Existenz vermutet werden kann oder darf, aber nicht durch eine bekannte wissenschaftliche Methode beweisbar ist.

Ganz allgemein sehen wir, dass einige der Realitäten, die uns betreffen, schwierig oder unmöglich wissenschaftlich zu behandeln sind, weil sie zu anderen Wissensbereichen wie Intuitionen, Gefühlen, Visionen oder Glaube gehören. Das bedeutet nicht, dass alles, was darunterfällt, automatisch „unwissenschaftlich“ ist, denn das setzt voraus, dass sie nicht mit der Wissenschaft vereinbar sein können. Für eine wissenschaftliche Bewertung empfiehlt es sich, differenzierte Qualifizierungen wie “nicht (oder schwierig) wissenschaftlich nachweisbar”, “wissenschaftlich (ob oder nicht) wahrscheinlich” und dergleichen zu verwenden. Solche Domänen sind nicht nur häufig, sondern sogar notwendig, Teil unserer menschlichen Denk- und Entscheidungsprozesse. Auch Argumente, die als „rein wissenschaftlich“ akzeptiert werden, sind oft auf subtile Weise beeinflusst oder verfälscht durch – oder basieren möglicherweise sogar auf – unbegründeten Annahmen oder Behauptungen Als „unwissenschaftlich“ darf man objektiv nur das bezeichnen, was sich zweifelsfrei mit bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vereinbaren lässt. Auf der anderen Seite müssen wir uns vor dem Qualifizierungslabel „wissenschaftlich bewiesen“ in Acht nehmen. Es wird allzu oft verwendet, um die eigenen Ansichten mit einem billigen Autoritätsargument durchzusetzen, das sich oft auf Aussagen bekannter oder unbekannter Autoritäten bezieht.

Wunder

Direkt beobachtete Zeichen der Existenz Gottes werden Wunder genannt. Für Christen sind die wichtigsten davon die Geburt seines Sohnes und seine Erscheinungen nach seiner Auferstehung.  Wunder gehören in erster Linie zur religiösen Welt des Glaubens, und in jedem Fall sind sie keine beliebig wiederholbaren Phänomene. Eine gewisse wissenschaftliche Akzeptanz können sie daher nur bedingt erreichen, soweit sie durch bestimmte Techniken nachgewiesen und aufgezeichnet werden können, z.B. durch Instrumente, Fotografie oder gut dokumentierte medizinische Befunde. Die katholische Kirche hat bereits eine ganze Reihe Wunder anerkannt, aber dies geschah immer nur nach umfangreicher und gründlicher Recherche von Quellen, Zeugnissen und Erkenntnissen. Die Verbreitung billiger Wundergeschichten oder Fantasien dient der nachhaltigen Glaubensverkündigung ebenso wenig wie ein Korsett pseudowissenschaftlicher Kritik.

Von der wissenschaftlichen Seite überwiegt die Skepsis gegenüber wundersamen Ereignissen (oft zu Recht, aber nicht immer). Wissenschaftlich kann man nur bestätigen, dass Wunder nicht den bekannten Naturgesetzen entsprechen, aber man kann nicht beweisen, dass Ausnahmen von diesen Naturgesetzen aufgrund unbekannter zugrunde liegender natürlicher Ursachen oder übernatürlicher Kräfte (die die Naturgesetze selbst beherrschen) nicht möglich sind. Wahre Wissenschaftlichkeit zeichnet sich durch das Bewusstsein ihrer Grenzen aus. Je mehr wir wissen, desto mehr sehen wir, was wir noch nicht wissen. In den letzten Jahren beobachten wir auch aus wissenschaftlichen Kreisen ein zunehmendes Interesse an „paranormalen“ Phänomenen. Aus religiöser Sicht ist es ermutigend, dass wir aus dem anhaltenden Erfolg anerkannter Wallfahrtsorte (auch in diesen hypermaterialistischen Zeiten) ableiten können, dass der Glaube an Wunder alles andere als tot ist.  Artikel auf dieser Seite, die sich mit Wundern befassen, bieten die Möglichkeit, näher auf dieses Thema einzugehen (3).

Wenn wir das Obige auf die hier behandelten Themen anwenden, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass sich viele angesehene religiöse Experten fast pflichtbewusst in die oben erwähnte pseudowissenschaftliche Korsett zwängen. Seltsam genug scheint dies hauptsächlich das Ergebnis einer übertriebenen Sorge um ihren wissenschaftlichen Ruf zu sein.  Als Folge dieser beengenden Herangehensweise ist ein großer Teil der heutigen theologischen Denker, bewusst oder unbewusst, damit beschäftigt, die Glaubensasten, auf denen sie sitzen, sorgfältig abzusägen.

Unsere materiellen und existenziellen Fragen können weitgehend durch eine Kombination von Wissenschaftlichkeit und Humanismus beantwortet werden. Doch unsere religiöse Suche bringt wenig, wenn wir es nicht wagen, den Reichtum an religiösem Wissen und Erkenntnissen aus 2000 Jahren Christentum wohlüberlegt, aber unkompliziert zu nutzen. Die Kombination aus Erfahrungen und logischen Erklärungen, die uns dieser Schatz bietet, ermöglicht es uns, viel tiefer zu graben und weiter in die verborgenen Realitäten einzudringen, die unser Leben bestimmen, als eine sogenannte “streng wissenschaftliche” Ansatz. Die wahrscheinliche Richtigkeit (das ist nicht dasselbe wie wissenschaftliche Korrektheit!) unserer religiösen Ansichten wird durch eine gesunde Selbstkritik gefördert.  Für ihre abschließende Beurteilung müssen wir auf ihre Kohärenz innerhalb der Gesamtheit unserer Vorstellungen achten, auf die damit verbundene Sinngebung und auf den Mehrwert, den sie für unsere weitere geistige Bereicherung bieten.

Engel und Visionen

Anstatt die biblischen Engelsgeschichten vorab als fromme Fabeln abzutun, können sie auch als eine Form von Tag- oder Nachtträumen oder Visionen angesehen werden, die bei den Betroffenen eienen ebenso realen Eindruck hinterlassen wie das tägliche Geschehen um sie herum und deren Folgen möglicherweise im Nachhinein festgestellt werden können. Der Underschied zu Halluzinationen besteht darin, dass sie keine Nebenwirkung von Krankheiten oder neuronalen Defekten sind, sondern spontan bei völlig gesunden, meist geistig inspirierten Menschen auftreten. Es handelt sich um rein geistige Phänomene (deshelb wunderbar), die nicht von den Sehern selbst hervorgebracht werden, sondern sich ihnen sehr realistisch offenbaren. Auch unsere Zeit hat viele Beispiele für physikalisch unerklärliche Erlebnisse oder Zustände, die manchmal zu “Stigmata” führten, wie bei dem berühmten italienischen Padre Pio.

Es ist allzu simpel, alle Erfahrungen von Sehern als bloße Chimären oder Erfindungen abzutun. Da man aber als Außenstehender keinen Zugang zu ähnlichen Empfindungen hat, muss man diese Phänomene mit großer Vorsicht bewerten. Das bedeutet unter anderem, dass die Engelgeschichten in der Bibel nicht unbedingt alle als „tatsächlich geschehen“ bezeichnet werden müssen. Es ist plausibel, dass innerhalb einer Gemeinschaft mit starkem Glauben an Engel, mündlich überlieferte Ereignisse durch die Beteiligung von Engeln erklärt oder allmählich verstärkt wurden.

Lassen Sie uns ein fiktives Beispiel geben, um dieses Problem zu erklären. Angenommen, um 4000 n. Chr. wird zufällig eine Ausgabe der völlig verschollenen portugiesischen Zeitung O Século (1881-1977 n. Chr.) gefunden. Es enthält einen Artikel des Chefredakteurs Avelino de Almeida, der beschreibt, wie er Augenzeuge des Sonnenwunders vom 13. Oktober 1917 in Fatima war. Es tauchen auch Stücke aus anderen Zeitungen auf, in denen berichtet wird, dass etwa 50.000 Menschen zusammen die Sonne tanzen sahen, wie es die heilige Maria vorhergesagt hatte.  Nach sorgfältiger Quellenrecherche kommt ein Team von Spezialisten zu dem Schluss, dass O Século eine antiklerikale Zeitung war, die allgemein als objektiv angesehen wurde und dass die verschiedenen anderen Fragmente eine weitgehend ähnliche Geschichte erzählen. Da die Forscher nicht an Wunder glauben und davon ausgehen, dass der beteiligte Journalist dies auch nicht getan hat, ist ihre Schlussfolgerung, dass es sich um eine Science-Fiction-Geschichte handelt. Ihre weiteren Recherchen führen dann zu folgender “historischen” Analyse:

Die Geschichte wurde vom Autor um die Halloween-Zeit herum veröffentlicht, zusammen mit ausgetricksten Fotos, mit der Absicht, den Verkauf seiner Zeitung durch Sensation anzukurbeln. (Zwanzig Jahre später tat Orson Welles mit seinem bis heute bekannten Hörspiel „Krieg der Welten“ etwas Ähnliches). Der Zeitungsbericht wurde sofort von mehreren anderen Zeitungen übernommen und mit zusätzlichen Details versehen. Avelino de Almeida fand seine Inspiration offenbar in einem prähistorischen englischen Sonnenkult, dessen Zentrum Stonehenge war und der zu seiner Zeit noch von einigen druidischen Sekten praktiziert wurde. Seine Geschichte wurde dann von christlichen Glaubensgemeinschaften aufgegriffen und als authentisch weit verbreitet. Noch heute finden sich hier Spuren in Geschichten, die in konservativen Kreisen kursieren.

Kann diese Bewertung als “wissenschaftlich” bezeichnet werden? Wo sind die Irrtümer? Welche Gemeinsamkeiten haben die Schlussfolgerungen dieses fiktiven Forschungsteams mit einer Vielzahl von Schlussfolgerungen aus der zeitgenössischen historisch-kritischen Exegese? An unsere Leser, darüber nachzudenken oder sich weiter zu informieren. Das wichtige und faszinierende Thema übernatürlicher Phänomene wird sicherlich bei anderen Gelegenheiten diskutiert (4).

(1) Am 18. Januar 2019 entschied sich Etienne Vermeersch nach einjähriger Krankheit für Euthanasie.

(2) Darüber sprechen wir in der Besprechung des Buches von Jean Guitton und den Brüdern Bogdanov “Gott und Wissenschaft. Auf dem Weg zum Metarealismus”, München, Artemis & Winkler, 1993.  (Siehe den niederländischen Artikel God en de wetenschap in diesem Abschnitt)

(3)  Auf dieser Webseite werden nur die unerklärlichen Ereignisse, für die es genügend und solide Beweise gibt, als Wunder behandelt (oder als möglicherweise wundersam akzeptiert). Dies betrifft vor allem Tatsachen, die von der katholischen Kirche offiziell als solche akzeptiert wurden, entweder auf der Grundlage einer direkten Untersuchung durch eine zuständige kirchliche Autorität oder auf der Grundlage gut studierter und anerkannter Traditionen, insbesondere aus dem Alten und Neuen Testament.

(4) Siehe unter anderem den niederländischen Artikel De authenticiteit van de evangelische kindsheidsverhalen unter dem Thema “Bijbel”.

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